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Giardien – die neue Seuche?  

Zunächst einen  kleinen historischer Rückblick: 1970 wurden in dem damals führenden Parasitologiebuch für Veterinärmedizin unter dem Stichwort Giardien kurz und bündig vermerkt:

Vorkommen Nord und Südamerika. Aus Europa so hieß es damals,  liegen sonst nur wenige Berichte vor und speziell zur Katze: es wird von der Art Giardia cati berichtet, gefunden in Nordamerika und Europa. „Berichte über eine krankmachende Wirkung liegen nicht vor“.

Die Zeiten ändern sich. Als blinde Passagiere aus den mediteranen Ländern haben sich die Giardien auch bei uns ausgebreitet. Hier der Steckbrief des Parasiten Giardia duodenalis: Begeißelte Einzeller in Birnenform mit 2 Zellkernen. Invasionsfähige (= ansteckende) Form sind Zysten, die aus einem Doppelpack von Giardien in einer soliden Umhüllung bestehen, die sämtlichen Desinfektionsmittel wie auch Wind und Wetter lange Zeit trotzt.

Der Vollständigkeit halber: Giardien gehören zu den Protozonen, den primitivsten Lebewesen des Tierreichs. Diese Tierchen –  ausgerüstet mit einer Haftscheibe – saugen sich an der Darmschleimhaut ihres Wirttieres fest und ernähren sich von Darminhalt. Auch frei zwischen den Darmzotten kommen sie in großer Menge vor. Die schädigende Wirkung wird durch Giftstoffe, die der Parasit erzeugt, und/oder durch das Anheften an der Darmschleimhaut verursacht.

Wir erleben die schädigende Wirkung als breiigen und hellen Durchfall oft mit Schleim und Blut durchsetzt, der häufig bei Luftkontakt an der Oberfläche nachdunkelt. Besonders betroffen sind Jungtiere, die vor allem in der Anfangsphase der Erkrankung auch häufig Erbrechen zeigen.

Die Verlaufsform kann sowohl akut wie auch chronisch sein. Daß  Giardien ansteckend sind, kann man leicht feststellen, da nach und nach der ganze Bestand die Symptomatik zeigt. Doch nicht nur durch Kontakt mit dem Kot anderer Katzen werden Giardien übertragen, sondern auch über Vogelkot, Stubenfliegen und auch über Nager (Wassertränken, Teiche, Vogelhäuschen!!). Ich denke, dass es vielleicht noch andere Übertragungswege gibt, weil sich auch Katzen in Wohnungen in höher gelegenen Stockwerken und mit Fliegengittern versehen schon infiziert haben, nachweislich ohne Kontakt zu Vogelkot, Fliegen, Nagern und anderen Katzen. Ebenso zeigte ein Wurf mit 2 1/2  Wochen alten Kitten und einer giardienfreien Mutter heftigen Durchfall durch Giardien!

Hieß es noch vor 2 Jahren, daß neue Ausbrüche der Giradiose ausschließlich auf Reininfektion (also Infektion durch nicht beseitigtes infiziertes Material) zurückzuführen sind, so besteht inzwischen doch die Ansicht, daß sich Giardien bei manchen Tieren in die Gallengänge zurückziehen können und dort für Medikamente unerreichbar sind. In Streßsituationen reaktivieren sich diese Dauerstadien rasch und werden wieder ausgeschieden. Die betroffenen Tiere fungieren als Dauerausscheider.

So weit so schlecht. Wir können die Parasiten inzwischen problemlos durch den Nachweis von Giardiaantigenen „outen“. Viele Tierarztpraxen halten entsprechende Schnelltest vorrätig. Aber auch alle tiermedizinischen Labors können den Test durchführen. Vor allem während der Sommermonate macht es Sinn, bei jedem hartnäckigen Durchfall den entsprechenden Test durchzuführen (wir hatten im den letzten Jahren ca. 1/3 positiver Befunde!!).

Zur Behandlung stehen derzeit hauptsächlich zwei Wirkstoffe zur Verfügung.

Zum einen Fenbedazol  5-6 Tage lang 1 x tgl. in einer Dosierung von 50 mg / kg Körpergewicht verabreichen, dann 14 Tage Pause und die Behandlung wiederholen. Zum anderen Metronidazol: 10 Tage lang 2 x täglich in einer Dosierung von 25 mg/ kg verabreicht, auch hier nach 14 Tagen Pause die Behandlung erneut durchführen. Wirkung kann auch Nitrofurantoin zeigen: In einer Dosis von 4 mg / kg 2 x tgl. , 5 Tage lang (natürlich auch mit Wiederholung).

Das klingt nun alles sehr gut. Man nehme – wie oben beschrieben – und schon ist man das Übel los. In der Realität ist es nicht selten etwas komplizierter.  D.h. mit der angegebenen Dosierung erreicht man manchmal keine Heilung des Durchfalls. Dann heißt es die Dosis zu erhöhen. Mann erhöht die Dosis bis der Durchfall nachläßt oder das Tier im Test negativ wird. Manchmal wirkt aber das verabreichte Medikament nicht, so daß man auf ein anderes wechseln muß und hofft, daß es vertragen wird. Wenn das verträgliche Medikament keinerlei Erfolg zeigt, dann wird es richtig schwierig. Auch die Pausen zwischen den Anwendungen, die mit 14 Tagen angegeben sind, muß man oft verkürzen, weil sich ein neuer Durchbruch ankündigt.

Um die Situation in den Griff zu bekommen, testet man am besten nach jedem Medikamentenintervall neu. Allerdings gibt es auch da ein Problem: Der Test kann noch 4 Wochen nach Elimination der Parasiten positiv sein (kommt vor, aber gottlob selten).

Weitere Komplikationen:

Der Parasit greift auf bisher ungeklärte Weise das Darmepithol seines Wirtes an (die Verdauung ist also gestört d.h. Malabsorption oder gestörte Aufnahme der Nährstoffe besonders der Fette). Allerdings scheinen auch die Medikamente zur Bekämpfung des Parasiten nicht die darmfreundlichsten zu sein.

Situation: Während der Behandlung wird der Durchfall schlimmer statt besser. Sind die Giardien nun ausgerottet und der Test spricht trotzdem noch an? Oder ist es nicht gelungen, die Parasiten abzutöten und man muß nun höher dosieren?? Fragezeichen über Fragezeichen?

Auch wenn eine Giardiose durch Magendarm-Diät alleine nicht zu beherrschen ist, sollte man während der Behandlung und auch noch lange Zeit danach Diätfutter geben. Die Heilungsphase zieht sich oft monatelang hin. Die Anfälligkeit der Tiere sich erneut zu infizieren ist in dieser Zeit hoch. Also bei positiven Test immer wieder behandeln und zwar ALLE TIERE des Bestandes, auch die unauffälligen. WICHTIG ist immer wieder testen.

Zur Bestandsbehandlung gibt es eine Einschränkung: Die Behandlung trächtiger Kätzinnen. Die Medikamente können bei Kitten Mißbildungen verursachen. So darf Fenbendazol erst ab dem 42. Tag der Trächtigkeit verabreicht werden und Metronidazol erst ab dem 21. Tag ab Bedeckung (Spielraum berücksichtigen) gegeben werden. Nitrofurantoin darf dagegen nur in den ersten 2 1/2 Wochen verabreicht werden.

Ich habe damit allerdings äußerst schlechte Erfahrungen gemacht. Die im berechneten Zeitraum behandelten Kätzinnen resorbieren ihren Wurf. Die einzige Möglichkeit die Situation in den Griff zu bekommen ist, die trächtige Kätzin vom Bestand zu trennen Falls sie sich bereits infiziert hat, wird sie unter Einhaltung der oben genannten Fristen behandelt. Wenn sie noch nicht infiziert war, darf sie erst nach dem zweiten Behandlungsinterwall des übrigen Bestandes wieder eingegliedert werden.

Die schlechten Nachrichten werden langsam weniger, nur eine noch: Sie müßen putzen , putzen, putzen. Giardien sind von herkömmlichen Desinfektionsmitteln nicht angreifbar! Also Bürste, Schrubber und Dampfreiniger überall dort, wo Katzen evtl. Spuren hinterlassen haben. Sämtliche Katzentoiletten mehrfach tgl. reinigen, verschmutzten Sand wegwerfen, Kistchen schrubben. Wer einmal eine Giardieninvasion mitgemacht hat, möchte natürlich gerne wissen wie einem zukünftigen Desaster vorzubeugen ist. Wir konnten einen Hinweis in der Literatur finden, daß Giardien eine Aversion gegen Kokosöl hegen. Ein täglicher Zusatz von Kokosöl scheint Neuinfektionen vorzubeugen (außerdem macht es das Fell schön glänzend). Mir scheint auch, daß Katzen, die schon mehrfach infiziert waren, eine Resistenz entwickeln und nicht mehr (oder nicht mehr so leicht) zu infizieren sind.

Es gibt neuerdings auch Impfungen – nur leider nicht in Deutschland. In den USA gibt es bereits Impfstoffe für Hunde und Katzen, Achtung der Hundeimpfstoff ist für die Katzen giftig. Abgesehen davon, daß der Impfstoff in Deutschland nicht zugelassen ist, soll die Wirkung sich auf die in den USA vorkommenden Stämme beschränken und nicht oder nicht ausreichend wirksam sein gegen die in Europa ansässigen Giardienstämme.

Es sei uns dennoch ein optimistischer Blick auf eine Zukunft mit Impfung gegönnt.

Dr. med. vet. Christel Heerdegen

www.tierarzt-hoehenkirchen.de